Natale, Carmine Natale, Carmine
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Natale, Carmine
"Die Musik erfüllt mein ganzes Leben, mein ganzes Sein", sagt der Tenor Carmine Natale. "Die großen Sänger haben ein kulturelles Erbe hinterlassen, an das wir anknüpfen und an dem wir uns messen lassen müssen." Dabei denkt er vor allem an Tenöre wie Tito Scipa, Aureliano Pertile, Beniamino Gili etc., denn die Sänger der alten Schule "unterschieden sich von den meisten Sängern heute durch ihr Empfinden, ihre Sensibilität." Er verachtet das handwerkliche Können keinesfalls, aber er beklagt, daß eher nach dem Stimm-Material als nach großen, ausdrucksstarken Persönlichkeiten gefragt werde. "anscheinend lebe ich in der falschen Zeit. Der zweite Weltkrieg hat eine künstlerische Zäsur gebracht."

Geboren wurde Carmine Natale in Buccino, einer kleinen Stadt mit 7000 Einwohnern im Landkreis Salerno. Er hatte es schwer - wie viele Kinder aus dieser Berggegend, in der eine mehr als 4000 jährige Tradition des Ackerbaus die Menschen geprägt hat. Sein Vater, ein Grundbesitzer und Opernfreund, beschäftigte sich mit so handfesten Dingen wie dem Anbau von Oliven, Getreide und Äpfeln. Sänger wie der von ihm verehrte Beniamino Gili gehörten in seinem Weltbild ins Radio oder auf die großen Bühnen. daß sein Sohn mit ihnen gleichziehen und ebenfalls ein Opernsänger werden könnte, lag jenseits seiner Vorstellungswelt, der Gedanke daran war ihm fremd.

Der Knabe war sehr lebhaft und immer auf den Straßen der Kleinstadt unterwegs. Dementsprechend fiel es ihm schwer, sich in die strenge Ordnung des Elternhauses einzufügen. Aber er war auch Ministrant in der Kirche des Städtchens und assistierte seinem Onkel, dem Pfarrer Don Nicole Natale, bei den Fronleichnamsprozessionen. Natürlich sollte der Sohn eines Grundbesitzers vorankommen. Deshalb durfte Carmine Natale mit zehn das Städtchen, in dem Tagelöhner barfuß gingen und sehr ärmlich lebten, verlassen. Er zog zur Schwester seiner Mutter nach Neapel, um dort eine bessere Ausbildung zu erhalten. Die erhielt er auf der Mittelschule und dem Gymnasium. Anschließend studierte er in Neapel, was der Vater "etwas gescheites" nannte, nämlich Betriebswirtschaft.

Die Liebe zum Gesang, die ihn seit seiner Kindheit begleitete, verstärkte sich in Neapel. Mit 20 nahm Carmine Natale auf Vermittlung seines Onkels, eines Bauingenieurs, beim Tenor Enzo Aita Gesangsstunden. Der Italo-Amerikaner hatte zeitweilig in New York gelebt und nach seiner Rückkehr beim Rundfunksender RAI als Operettensänger Karriere gemacht. Obwohl es ihr schwer fiel, steckte die Tante Carmine Natale immer wieder Geld für weiteren Gesangsunterricht zu. "Sie glaubte an mich", sagt Carmine Natale dankbar.

Mit 23 wurde Carmine Natale zum Militärdienst eingezogen. Anschliessend zog er nach Augsburg. Dort arbeitete er als Betriebswirt und heiratete mit 27 seine Frau, die er heute die "denkbar beste Mutter" nennt. Nebenbei ließ er seine Stimme von Mario Tonelli, einem in München wohnenden Gesangspädagogen des Salzburger Mozarteums, weiter ausbilden. Schließlich gab er 1976 sein Operndebüt in Rom im Teatro Eliseo als Herzog in Giuseppe Verdis Oper "Rigoletto". Nach einer Reihe von Gastspielen an italienischen Opernhäusern singt er häufig für den Rundfunksender RAI.

Nach dem Tod von Mario Tonelli bei einem Autounfall wurde Carmine Natale 1990 bis 1993 Schüler des Veroneser Gesangslehrers Maestro Danilo Cestari. "Das war für meine Stimme eine Wende", sagt Carmine Natale. "Ich habe ihm vorgesungen, und er fragte mich: 'Was soll ich Ihnen beibringen?' - 'Alles, was sie können, Maestro!' Da hatte dieser geantwortet: 'Gut, fangen wir an.' An diesem Tag wurde meine jetzige Stimme geboren."
Hans E. Braun

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